Die grössten Irrtümer und Wahrheiten über Therapie

Janine Karrasch
Janine Karrasch

Therapie ist ein Begriff, der oft Vorurteile weckt und Missverständnisse hervorruft. Wir räumen auf mit den gängigsten Mythen rund um das Thema Therapie.

Frau liegt mit geschlossenen Augen und bunten Steinen auf der Stirn.
Eine Psychotherapie kann helfen, uns zurück ins seelische Gleichgewicht zu bringen. - Depositphotos

Psychotherapie hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt und ist längst nicht mehr das, was viele Menschen aus Film und Fernsehen kennen. Moderne therapeutische Ansätze sind praxisorientiert, effizient und auf die individuellen Bedürfnisse der Klienten zugeschnitten.

Trotzdem halten sich hartnäckig Mythen und Vorurteile, die Menschen davon abschrecken, professionelle Hilfe zu suchen.

Zeit, damit aufzuräumen.

Mythos 1: «Therapie beschäftigt sich nur mit der Vergangenheit»

Viele Menschen glauben, dass Therapie hauptsächlich bedeutet, stundenlang über die Kindheit und die Mutter zu sprechen. Tatsächlich konzentriert sich moderne Therapie primär auf die Lösung aktueller Probleme.

vergangenheit
Penisneid, Kastrationsangst und Ödipuskomplex als Kind? Die Psychotherapie blickt längst nicht nur zurück. - Depositphotos

Therapie stellt konkrete Werkzeuge zur Problemlösung und Verbesserung der Lebensqualität bereit. Diese umfassen Beziehungsfertigkeiten, Wutmanagement und Techniken zur Kontrolle von Gedanken und Handlungen.

Therapeuten arbeiten gezielt an spezifischen, aktuellen Problemen, ohne zwangsläufig in vergangene Ereignisse einzutauchen. Der Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung von Strategien für Gegenwart und Zukunft.

Mythos 2: «Ich zur Therapie? Das ist doch nur etwas für Verrückte»

Ein weit verbreiteter Irrglaube besagt, dass Therapie nur für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen gedacht ist. Doch mittlerweile ist Therapie «Mainstream» geworden. Schon Ende der 90er hiess es in einer Episode von «Sex and the City»: «Selbst Therapeuten gehen heute zu Therapeuten.»

Eine Therapie zu beginnen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Ressourcenstärke und Selbstfürsorge. Es zeigt, dass eine Person proaktiv Hilfe sucht, um ihr Leben zu verbessern.

Moderne Therapie hilft dabei, die täglichen Anforderungen von Beruf, Familie und sozialen Beziehungen besser zu bewältigen. Sie ermöglicht es Menschen, auf einem höheren Level zu funktionieren und mehr Freude zu erleben.

Mythos 3: «Da muss ich bestimmt drei Jahre auf der Couch sitzen»

Die Vorstellung, dass Therapie jahrelang dauern muss, ist ein überholtes Klischee aus Film und Fernsehen. Viele (nicht alle!) Probleme können in wenigen Wochen oder Monaten behandelt werden.

mädchen in therapie
Auch Kinder profitieren von einer Psychotherapie. - Depositphotos

Bereits eine bis vier Therapiesitzungen führen zu bedeutsamen Veränderungen im Leben. Kurzzeitige Therapie kann Beziehungen verbessern, Elternkompetenzen stärken und gesunde Gewohnheiten fördern.

Die Therapiedauer richtet sich nach den individuellen Bedürfnissen und Zielen der Person. Während manche Menschen von längerfristiger Begleitung profitieren, reichen für viele Anliegen wenige gezielte Sitzungen aus.

Mythos 4: «Alle Therapien sind gleich»

Nein! Nicht alle Therapieformen sind gleich – es existiert eine grosse Bandbreite verschiedener Ansätze: lösungsfokussierte Therapie, interpersonelle Therapie und psychodynamische Psychotherapie.

Die kognitive Verhaltenstherapie (CBT) ist eine der am besten erforschten Therapieformen. Sie lehrt, selbstschädigende Gedanken und Verhaltensweisen zu erkennen und zu verändern, besonders effektiv bei Depression und Angststörungen.

ACT (Acceptance and Commitment Therapy) hilft dabei, flexibler mit Herausforderungen umzugehen und unangenehme Erfahrungen zu akzeptieren. Diese Methode ist besonders hilfreich bei Arbeitsplatzstress und chronischen Schmerzen.

Mythos 5: «Ein Therapeut hört doch eh nur zu und verschreibt mir etwas»

Der Mythos, dass Therapeuten nur zuhören und Fragen wie «Wie fühlen Sie sich dabei?» stellen, ist überholt. Gute Therapeuten stellen aktiv gezielte Fragen und helfen beim Setzen von Zielen.

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Therapeuten haben verschiedene Ausbildungen. - Depositphotos

Therapeuten haben verschiedene Ausbildungshintergründe: Psychiater sind Ärzte mit Verschreibungsberechtigung, Psychologen haben oft einen Doktortitel in Psychologie. Sozialarbeiter und lizenzierte Berater sind ebenfalls qualifiziert, Therapie anzubieten.

Therapeuten sind keine «Pillenschieber» – Medikamente sind nur ein Werkzeug unter vielen. Bei leichter bis mittelschwerer Depression reicht oft Therapie allein aus, während schwerere Fälle manchmal eine Kombination erfordern.

Mythos 6: «Den Luxus kann ich mir nicht leisten»

Therapie wird oft als Luxus betrachtet, doch die Kosten sind erschwinglicher als gedacht. Versicherungen decken oft psychische Gesundheitsdienste ab und Universitätskliniken bieten meist Zahlungspläne an.

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Auch eine Gruppentherapie ist möglich. - Depositphotos

Viele Praxen bieten Wochenend- und Abendtermine an, manche Therapeuten führen auch Telefon- oder Online-Sitzungen durch. Statt der traditionellen einstündigen Termine können Therapeuten flexibel auf die geschäftigsten Zeitpläne eingehen.

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